[Darstellung Größer 1 wählen.] [zum Inhalt (Taste Alt+8).] [zur Auswahl (Taste Alt+7).] (Taste Alt+6).

global denken - lokal handeln.

Für Sie gelesen :

Dr. Hans-Udo Schneider begeistert mit Referat über Johannes Rau

Bruder Johannes – Die Kirche und seine Bibelfestigkeit

„Politik, die nicht das Ziel hat, das Leben der Menschen menschlicher zu machen, soll sich zum Teufel scheren, ob sie schwarz, rot oder grün oder gelb ist.“
Meine Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Eine der Grundüberzeugungen von Johannes Rau.

Weil er deutlich die Gefahr sah, dass die Politik dieses Ziel aus den Augen verliert, sprach er 1985 in Ahlen eher beiläufig aber nicht unbeabsichtigt den Satz: „Versöhnen statt spalten“!
Seit diesem Zeitpunkt gibt es kaum einen Beitrag über Johannes Rau, der diesen Satz nicht aufgreift. Wir tun das auch. Aber es sind auch die unterschiedlichsten Kommentatoren, die politischen Mitbewerber und Gegner, die das getan haben, mal freundlich, mal polemisch. Beides steckt auch in dem Wort „Bruder Johannes“.

Persönlich darauf angesprochen sagt Johannes Rau: „Wir leben in einer Zeit, in der die zentrifugalen Kräfte zunehmen. Manchmal hat man den Eindruck, die Welt rast auseinander. Die Alten von den Jungen weg, der Osten vom Westen, die Reichen von den Armen.
Da muss es Menschen geben, die zusammenhalten, die zusammenführen, die dafür sorgen, dass wir weder erfrieren noch ersticken“.

Wer war dieser Mensch Johannes Rau, der uns auf solche Weise begegnet?

Johannes Rau hatte zwei ganz entscheidende Wegbereiter: das war sein Glaube und es war sein Humor. Er konnte Menschen überzeugen, weil er selbst überzeugt war.

Johannes Rau wuchs in einer pietistisch geprägten Familie in Wuppertal auf.
Da ich selbst in einem solchen Umfeld groß geworden bin,
kann ich mich da gut hineinversetzen.

Der Pietismus war und ist eine Bibelbewegung und gleichzeitig eine Laienbewegung.
Den Pietisten ging es weniger um die Kirche, sondern um die persönliche Glaubensüberzeugung, es ging um das Priestertum aller Gläubigen.

So gab der Vater von Johannes Rau seine Tätigkeit als selbständiger und erfolgreicher Textilkaufmann auf und wurde ohne akademisches Studium Prediger.

Er war angebunden an das Blaue Kreuz -, das ist der Verband in der Evangelischen Kirche, der sich um alkoholkranke Menschen kümmert. Auch das ein entscheidendes Kriterium: Evangelium ohne tätige Nächstenliebe war für Pietisten kein Evangelium.

Über seinen Vater sagt Rau einmal: „Er war eine prägende Gestalt, er war Autodidakt, unendlich belesen und gebildet und ein rhetorisches Talent, gegen das bin ich heute noch taubstumm.“
Hier wird die Vorbildfunktion des Vaters deutlich.
Denn all das, was er über seinen Vater sagt, gilt ja aus unserer Wahrnehmung für Johannes Rau gleichermaßen:
Prägende Gestalt, Autodidakt, unendlich belesen, gebildet und ein großes rhetorisches Talent, noch dazu mit großem Humor.

Über den Pietismus sagte Johannes Rau einmal: „er gilt immer als streng, als leibfeindlich, bigott und unfröhlich, - das war bei uns nicht so.“
In meinem Umfeld habe ich diese Variante des Pietismus auch kennen gelernt. „Mein Vater fand Christen, die nicht lachen konnten, zum Weinen und Menschen, die keinen Humor hatten, waren ihm eher verdächtig.“

Und über Pastoren konnte Johannes Rau in seiner unnachahmlichen Art karikierend sagen, ich hab`s schon mal an einer anderen Stelle erwähnt, (Zitat) „die ganze Woche über sieht man sie nicht, die Pfarrer, und, wenn man sie dann sieht am Sonntag, dann versteht man sie nicht.“

Von Anfang an hatte Raus Glaubensverständnis immer auch die politische Dimension. Sie war in weiten Teilen des Pietismus eher deutschnational geprägt, ganz offenkundig tickten auch hier die Uhren in Wuppertal und im Hause Rau anders.

So sagte er einmal: Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Vernunft sind keine abstrakten Postulate sondern machbare Konkretionen biblischer Botschaft.

Deshalb muss eine christliche Gemeinde – so seine Auffassung – immer auch Teil der Bürgergemeinde sein. Ist sie das nicht mehr – und das ist mein eigener Umkehrschluss - dann ist christliche Gemeinde nur noch eine Sekte.
Genau in diesem Zusammenhang sind auch Raus Beschäftigung mit religiösen Sozialisten wie Hermann Kutter, Leonhard Ragaz, Christoph Blumhardt, Karl Barth, Paul Tillich und Emil Fuchs zusehen. Es waren allesamt bedeutende Evang. Theologen. Sie haben Rau in seinem Denken beeinflusst.
Und Gustav Heinemann, der als CDU Innenminister die Adenauer Regierung, wegen deren Wiederbewaffnungs- und Atompolitik verlies, der 1952 die Gesamtdeutsche Volkspartei gründete, überzeugte den jugendlichen Rau mit der Feststellung:

„Verzicht auf politische Verantwortung sei nicht möglich; der, der nicht handele, lasse sich behandeln und sei anderen kein Nächster.“
Genau dieses Credo bestimmte maßgeblich die politische Einstellung von Johannes Rau.

1953 konnte die Gesamtdeutsche Volkspartei bei der Bundestagswahl nur 1,2% der Stimmen erzielen. Sie war das Sammelbecken kritischer Protestanten, aufgeklärter Bürger, von Pazifisten und Patrioten. Aber 1957 gab die GVP auf.

Die Partei empfahl ihren Mitgliedern zur SPD zu wechseln. Unter ihnen waren Gustav Heinemann, Johannes Rau, Erhard Eppler, Dieter Posser und andere, die später entscheidend die Politik der SPD, die Politik in NRW und im Bund mit beeinflussen sollten.
Wer sich also auf Johannes Rau beruft, muss sich mit diesen Zusammenhängen befassen.

Übrigens das Godesberger Programm der SPD von 1959 ist sehr deutlich auch von Religiösen Sozialisten mit beeinflusst worden. Dort lesen wir den schönen Satz: „Freiheit und Gerechtigkeit bedingen einander“.
Darum geht es, meine Damen und Herren.

Wenn also die Menschen nicht mehr spüren, dass die Politik sich diesen Werten verpflichtet fühlt, dass Reden und Handeln weit auseinanderklaffen, dass das Geschacher um Posten, Geld und Macht im Vordergrund stehen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass die Menschen sich abwenden.
Wer sich also auf Johannes Rau beruft, der muss zeigen:
„dass er tut, was er sagt und auch sagt, was er tut.

 

- Zum Seitenanfang.