Sonntagsgedanken – von Rainer Walter

Allgemein

Völkerwanderung - Mitleid und Wut

Sehe ich zurzeit die Nachrichten, schwankt meine Stimmung zwischen Mitleid und Wut. Mitleid, weil mich die Bilder sehr an die Geschichten und Bilder aus den Erzählungen meiner Eltern erinnern. Flüchtlingsströme auf der Flucht, Winter 1944/45, lange Tracks auf dem Weg in den Westen. Es gibt natürlich große Unterschiede, die Flüchtlinge müssen nicht erfrieren, noch nicht, und es sind keine russischen Panzer und Tiefflieger hinter ihnen her, die sie gnadenlos töten, so wie unsere Soldaten gnadenlos Russen und Juden getötet haben. Warum Wut? Wut, weil die Flüchtlingsproblematik schon seit Jahren bekannt ist und nichts geschieht. Angefangen von Palästinensern, die seit dem Sechs-Tage-Krieg aus ihrer angestammten Heimat vertrieben sind und nicht zurück dürfen. Sie leben seit Generationen in Flüchtlingslagern, die über die Jahre zu Städten wurden, ohne vernünftige Infrastruktur und Lebensperspektive. Sie sind zum sprichwörtlichen Brutkasten für Terroristen (oder besser Freiheitskämpfer?) geworden. Weiter geht die Wut über unsere ...

Kriegspolitik, angefangen von Afghanistan über den Krieg im Irak. Eine staatliche Ordnung, ob es nun gefährlich ist oder nicht, ist sehr schnell zerschlagen, eine neue staatliche Ordnung aufzubauen ist eine Generationenaufgabe. Nur, dazu braucht man einen Plan und nicht nur Interesse am Zugriff auf Öl- und Gasfördergebiete.

Wut ebenso über die Konzeptlosigkeit der Unterstützung, oder nicht Nichtunterstützung, ganz wie es beliebt, der Freiheitsbewegungen  in Nordafrika und Syrien. Wir können zurzeit die Entstaatlichung in Libyen, dem Irak, Afghanistan und Syrien beobachten. Eine Entstaatlichung, die wir sie ähnlich schon in Somalia beobachten konnten. Ich will nicht hoffen, dass es so weit kommt.

Man soll nicht so tun, als ob wir damit nichts zu tun haben. In Afghanistan haben deutsche Soldaten und Soltatinnen für eine (in westlicher Sichtweise) gerechte Sache gekämpft. Mich ergreift Trauer um jeden deutschen Soldaten, der in diesem Kampf gefallen ist, mich macht jeder tote Afghane traurig, der durch deutsche Waffen gestorben ist, denn, sie sind umsonst gefallen und gestorben.

Ich kann nicht die Verantwortung der damaligen sowjetischen Staatsführung klein reden, ohne den Versuch, in Afghanistan eine kommunistische Bruderregierung zu installieren, hätte es diesen Krieg nicht gegeben. Leider hat damals die amerikanische Regierung jeden mit Waffen und Geld unterstützt, Hauptsache sie haben gegen die sowjetischen Truppen gekämpft. So wurden den Mudschahidin auf die Beine geholfen, mit dem bekannten Ausgang.

Jetzt zu Syrien. Nach dem Umsturz in Ägypten, Algerien, Tunesien und Libyen, haben die Menschen versucht, die Diktatur der Familie Assad abzuwerfen. Das Ergebnis sehen wir, ein zerstörtes Land, in dem jeder seinen Stellvertreterkrieg führt. Gemäßigte Freiheitskämpfer gegen Assad und seine Armee, sowie gegen den IS, kurdische Freiheitskämpfer gegen den IS (mit deutschen Waffen), die Türken gegen den IS (sagen sie jedenfalls), aber wenn es passt auch schon einmal gegen die Kurden, wollen sie ja einen eigenen Staat und stören sie die staatliche Einheit der Türkei sowie die Allmacht seiner Herrscher, und jetzt auch noch die Russen, angeblich gegen den IS, allerdings als Verbündeter Assads, auch gegen die gemäßigten Freiheitskämpfer.

Millionen Syrer auf der Flucht, Millionen Syrer in Flüchtlingslager im Libanon, Jordanien und der Türkei. Seit Monaten fordert der UNHCR mehr Geld zur Versorgung der Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern, ohne Erfolg. Auch Deutschland hat seine Zahlungen an den UNHCR um 50% gekürzt!

Das alles wusste auch die deutsche Regierung, sie hat aber nicht reagiert. Hilfsorganisationen haben seit Langen darauf hingewiesen, die Nachrichtendienste hatten entsprechende Hinweise, nichts geschah. Es war der Regierung egal, Hauptsache die Flüchtlinge bleiben in den Lagern.

Nun kommen sie!

Wir können jeden Tag beobachten, wie die Solidarität in unserem schönen geeinten Europa vor die Hunde geht. Unsere Kanzlerin hat, man kann es kaum glauben, einmal eine richtige Entscheidung getroffen und muss nun sehen, wie all die jungen und neuen Mitglieder der EU, die sie dabei unterstützt haben, Griechenland in die Knie zu zwingen, keine Anstrengungen zu unternehmen, Deutschland etwas zu entlasten. 

Ich habe vor Kurzen an einer Aktion zur Schutzimpfung von Flüchtlingen teilgenommen. Meine Aufgabe war es die einzelnen Flüchtlinge in Gruppen der Impfung zuzuführen. Dabei fiel mir auf, DER Flüchtling kommt nicht zwangsläufig aus Syrien. DER Flüchtling ist in der Regel männlich, jung und kräftig, selten Kinder und Frauen, noch seltener alte Menschen. Alle hielten mir ihren Personalbogen unter die Nase und was ich las machte mich stutzig. Ich las, Herkunftsland Afghanistan, Irak, Somalia, Sudan, Libyen, Marokko, Ghana oder einfach Kurde.

Syrer waren die Ausnahme. Das mag in anderen Häusern anders sein, heute steigen die Zahlen der Syrer, bei mir war die Verteilung so. Aber warum kommen Menschen z.B. aus Ghana zu uns?

Jetzt wird die Betrachtung der Politik in Europa interessant. Wer sich die Mühe macht und etwas in den Archiven der Nachrichtensendungen stöbert, wird Beiträge finden über die Lieferung von tiefgekühlten Hähnchenfleisch, auch Schlachtabfälle, aus EU-Überschüssen nach West-Afrika, natürlich hoch subventioniert. Wer weiter forscht, wird Beiträge finden, wie subventioniertes Gemüse aus Überschüssen aus der EU die Märkte z.B. in Ghana überschwemmt und die heimische Produktion unwirtschaftlich macht und zerstört. Besonders ärgerlich, in vielen Ländern wurde vorher mit Mitteln aus der Entwicklungshilfe genau der Aufbau dieser Produktion gefördert. Ziel, Förderung der Selbstversorgung, Schaffung von Arbeitsplätzen und Bekämpfung der Armut.

Guter Ansatz, leider müssen wir unsere Überschüsse loswerden, was schert uns da die Hilfe zum Überleben!

Man könnte fragen, warum schützen sich die Staaten nicht mit Schutzzöllen? Nun, viele dieser Staaten haben mit der EU ein Freihandelsabkommen geschlossen, dieses verbietet den Ländern die Einführung von Schutzzöllen. Zurzeit wird mit Kamerun über ein solches Abkommen verhandelt, armes Kamerun.

War da nicht was mit einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA namens TTIP?

Was macht also ein gesunder, junger Afrikaner, dem alles genommen wurde und der ohne Zukunft in seiner Heimat ist? Was macht z.B. ein junger Somali, der in einem rechtlosen Staat lebt, dem als Fischer durch ausländische Fischfangflotten die Lebensgrundlage genommen wurde?

Er gründet keinen Sanitärfachhandel, obwohl er in Somalia bestimmt gut zu tun hätte. Nein, er macht sich auf den Weg in das Land, in dem er sich eine Zukunft verspricht.

Ich bekomme den Eindruck, es ist Zahltag, Zahltag für alle unserer politischen Fehler der Vergangenheit. Die Rechnung wird hoch sein, hoffentlich nicht zu hoch und hoffentlich schaffen wir einen gerechten Ausgleich mit den Menschen, die unter unserer Politik gelitten haben, ob direkt oder indirekt.

Es fängt erst an, als nächstes werden sich die Klimaflüchtlinge auf den Weg machen. Der Strom wird nicht abreißen!

Rainer Walter

 
 

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