Rechenfehler löst weltweite Finanzkrise aus
Die handelnden Personen:
- Ein Professor und angesehener Weltökonom aus Amerika – Kenneth Rogoff
- Ein Student der Wirtschaftswissenschaften – Thomas Herndorn (USA)
- Sein Lehrer, ein Professor aus Massachusetts
- Alle Finanzminister/Experten der westlichen Welt
Wir schreiben das Jahr 2010. Kenneth Rogoff stellt der Welt eine Studie vor, die in 7-jahrelanger Arbeit erstellt wurde. In eine selbst angelegte Datenbank fließen Zahlen aus 66 Ländern, fünf Kontinenten und 800 Jahren ein. Ein gewaltiges Dokument mit hoher Aussagekraft. So zumindest sieht es die westliche Welt und ihre handelnden Finanzminister und Finanzexperten.
Es geht um den Verschuldungsgrad der Volkswirtschaften. Ab welcher Höhe wird es für ein Land gefährlich? Und wie muss das Land darauf reagieren?
Das Ergebnis:
Sobald die Staatsschulden 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, beginnt der nationale Absturz.
Die Studie nennt auch die Lösung: Sparen, sparen, sparen!
Die Zahl ist in der Welt und wird ab sofort als Grundlage des Handelns übernommen.
Griechenland, Verschuldungsgrad 120 %, Spanien, Portugal Irland … Die Liste ließe sich fortsetzen. Die EU zwingt diese Länder zum Sparen, Deutschland spielt dabei eine Hauptrolle. Obwohl es auch Wissenschaftler gibt, die vor diesem rigorosen Sparkurs warnen, wird nach der Formel des Kenneth Rogoff strikt gehandelt. Nach seiner Studie müssen sich die Staaten gesund sparen. Also unter 90 % kommen. Tatsächlich rutschen sie aber immer tiefer in die Krise. Die Volkswirtschaften stürzen regelrecht ab.
Der Wissenschaftler wird parallel mit Lob überschüttet und gefeiert. Er erhält Preise über Preise. Auch von der Deutschen Bank. Das Preis- und Anerkennungsgeld beläuft sich in diesem Fall auf: 50.000 Euro!
Nun wird es Zeit, den Studenten Herndorn ins Spiel zu bringen. Er erhält als Hausarbeit die Aufgabe, die Studie des gefeierten K. Rogoff nachzurechnen, um zu lernen, wie große Wissenschaftler zu welchem Ergebnis gekommen sind.
Thomas Herndorn rechnet und rechnet, aber er kommt einfach nicht auf das Ergebnis der „90 Prozent“. Verzweifelt wendet er sich an Rogoff und Partner, bittet um Hilfestellung. Erst nach mehreren Versuchen erhält er die Rechengleichung des preisgekrönten Wissenschaftlers.
Seine Nachrechnungen mit der nun zur Verfügung gestellten Formel bringen ihn zur Verzweiflung aber nicht zum erwarteten Ergebnis.
Er hat einen Verdacht, dass Rogoff einen Fehler begangen hat. Und zwar einen simplen Programmierfehler im Excelprogramm mit riesigen Auswirkungen.
Sein Professor, den er kontaktiert, glaubt ihm nicht und fordert ihn auf, nochmals nachzurechnen.
Herndorn verstärkt sich mit einem Experten des Excelprogramms. Tatsächlich finden sie den gravierenden Fehler der Studie. Durch eine falsche Bedienung des Rechenprogramms stimmt die These von den 90 Prozent vorne und hinten nicht.
Und damit wären alle Maßnahmen der EU, die Länder mit einer höheren Verschuldungsquote von 90 Prozent zum rigorosen, alternativlosen Sparen zu zwingen, falsch gewesen. Unglaublich.
Kenneth Rogoff, mit dem Ergebnis der Hausarbeit des einfachen Studenten konfrontiert, taucht ab.
Später wird er bestätigen, einen entscheidenden Fehler gemacht zu haben. Seine Korrektur wollte aber keiner hören.
Fazit:
Eine Studie wird zum Heiligtum erklärt. Der Wissenschaftler zum alleinigen Experten. Finanzminister, EU-Kommissare, Oppositionspolitiker, Bundesbank – alle tragen die falsche 90-Prozent-Quote wie eine Monstranz vor sich her.
Namen?
Olli Rehm, EU-Kommissar; Wolfgang Schäuble, Finanzminister; Jean Claude Trichet, ehemaliger EZB-Präsident; George Osborne, britischer Finanzminister; Tim Geithner, ehemaliger US-Finanzminister; Christian Lindner, FDP; Peer Steinbrück, SPD; Jens Weidmann, Bundesbankpräsident; Paul Ryan, Republikaner/USA – sie alle haben immer und überall mit der magischen Zahl „90 %“ die eingeleiteten Maßnahmen begründet, verteidigt und letztlich durchgesetzt.
Wie wir heute wissen, falsche Maßnahmen.
Die genannten Länder sind so tief abgestürzt, dass jetzt gegengesteuert muss und auch wird.
Der Held dieser unglaublichen Geschichte ist ein einfacher Student, der mal nachgerechnet hat. Sollten wir alle viel häufiger tun.
Quelle; DIE ZEIT, Dossier, 27. Juni 2013 „Verrechnet!“
Nacherzählt von Dirk Hartwich, 04.07.2013