Ein gängiges Sprichwort vermittelt, dass sich auf Dauer Ehrlichkeit auf allen Ebenen der Gesellschaft auszahlt. Ulrich Wickert, Journalist, hat dagegen einen Bestseller mit dem Titel „Der Ehrliche ist der Dumme“ geschrieben. Was zählt denn nun? Bei der Antwort hilft mir ein besonderes Erlebnis. In Braunschweig habe ich meine Geldbörse verloren. Inhalt: Personalausweis, Führerschein, Bankkarten und weitere wichtige Dokumente. Hinzu kommt, dass sich an diesem Tag, ganz gegen meine Gewohnheit, auch eine größer Summe Bargeld im Inneren des Portemonnaies befand. Panik nach dem Erkennen des Verlusts. Suchen auch an Stellen, die eigentlich niemals als Verlustort in Frage kommen. Erfolglos. Das Sperren der Bankkarten gelingt per Handy, erfordert aber Geduld und einen einigermaßen klaren Kopf. Eine Frage bei der Polizei, ob dort mein Personalausweis als verloren gemeldet werden sollte, wird abschlägig beantwortet. „Wurde ja nicht geklaut!“ Hmm! Natürlich passiert so etwas immer an Wochenenden. Der erste Anruf beim Fundbüro in der Fremde ist negativ. Die Dorstener Verwaltung empfiehlt, 14 Tage zu warten bis neue Papiere angefordert werden sollten. Die Wartezeit wird „Tag und Nacht“ genutzt, um zu rekapitulieren, warum mir das passieren konnte. Dann, kurz vor Ablauf der Wartezeit, ein erneuter Anruf beim Braunschweiger Fundbüro. Ich kann meinen Ohren kaum trauen. Meine Geldbörse wurde tatsächlich mit Inhalt, auch Bargeld, abgegeben. Mein spontanes Angebot, dem Finder/der Finderin etwas Gutes tun zu wollen, wird mit dem Hinweis beantwortet: „Nicht gewünscht.“ Hmm! Direkte Kontaktaufnahme verbietet der Datenschutz. Verstehe ich nicht, muss es aber akzeptieren. Ich bitte um direkte Zusendung meines Portemonnaies. „Geht nur über ihr Fundbüro in Dorsten“. Ok, verstehe ich auch nicht so ganz, aber die Freude, dass es noch ehrliche Menschen gibt, überwiegt. Nun, nachdem ich tatsächlich meine alte Geldbörse wieder habe, stelle ich fest, dass der mögliche "Finderlohn" sehr großzügig direkt entnommen wurde, bevor das Portemonnaie anonym im Briefkasten der Polizei abgelegt wurde. Nun mache ich mir keine Gedanken mehr, ob und wieviel ich hätte spenden wollen. Ich stelle mir einfach vor, dass der oder die Finderin in Not war und sich über das "Zufallsgeschenk" richtig gefreut hat. Fröhliche Weihnachten.
Dirk Hartwich
Gesellschaft
Veröffentlicht am 23.12.2025