
Nachdenkzeilen über den Wert des Arbeitens
Die von Max Weber geforderte „geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens“ darf auch vor dem Phänomen sinkender Arbeitsmoral nicht halt machen. Verwunderlich ist diese Entwicklung allerdings nicht. Wenn Menschen beim Nichtstun genauso versorgt sind, wie sie es mit Arbeit wären, bleibt die Motivation, eine Arbeit aufzunehmen, gering. Wer aber ganz oder teilweise auf Kosten der Allgemeinheit lebt, spaltet die Gesellschaft, wenn er nicht wirklich bedürftig oder schlicht arbeitsunwillig ist. Es besteht nämlich kein Anspruch auf Förderung individualistischer Selbstverwirklichung durch Staat und Gesellschaft für die, die eine Teilnahme am Arbeitsleben nicht wünschen, aber meinen, ihre „Freiheit“ hätten die anderen zu finanzieren. Die auch in diesem Zusammenhang geführte Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ein Holzweg und wäre in jeder Hinsicht kontraproduktiv.
Die Problematik der Überversorgung von im Prinzip Arbeitsunwilligen, das Problem der fehlenden Motivation wegen zu geringen Abstandes zwischen Transferleistungen und Arbeitseinkommen, das Problem der sinkenden Arbeitsmoral in Form des „Dienstes nach Vorschrift“, aber nicht zuletzt auch das nicht zu unterschätzende Problem des leistungslosen Luxuslebens von Millionen- oder gar Milliardenerben fordern zwingend eine Antwort von Politik und Gesellschaft.
Die Lösungen liegen auf der Hand. Neben der Realisierung möglicher Einsparungen muss der Abstand zwischen sozialen Transferleistungen und Arbeitseinkommen deutlich erkennbar sein. Vor allem aber muss die große Mehrheit derjenigen, die mit großem persönlichen Einsatz ihre Arbeit verrichten, für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden. Für Transferleistungsempfänger, die gern mehr arbeiten möchten, seien es alleinerziehende Elternteile, für deren Kinder bei Vollzeittätigkeit Betreuung nicht möglich ist, oder Arbeitssuchende, z. B. mit Vermittlungshandicaps müssen Lösungen angeboten werden, die sie aus Abhängigkeiten von Unterstützung ganz oder zumindest teilweise befreien. Ein großer Schritt wäre in diesem Zusammenhang ein massiv verstärkter Ausbau der Ganztagsbetreuung zur Entlastung von Eltern und Alleinerziehenden, der auch dem großen Problem des Arbeitskräfte- bzw. Fachkräftemangels abhelfen würde.
Die viel diskutierte Work-Life-Balance muss nicht vorrangig weniger Arbeit bedeuten, sondern kann durch besser motivierende Formen realisiert werden. So würde etwa eine motivierende Führungskultur auch das Phänomen des „Dienstes nach Vorschrift“ begrenzen, zumal dann, wenn ein Anerkennen der Leistung durch materielle Anreize attraktiver gestaltet wird, z. B. durch Prämien.
Das leistungslose Luxuseinkommen ist hingegen in erster Linie ein Fall für die Erbschafts- und Einkommenssteuer und würde, wenn man diese überfällige Reform denn endlich anginge, nicht nur zur Verbesserung der Einnahmeseite des Staatshaushaltes führen, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Wiederherstellung des Gerechtigkeitsempfindens leisten und damit auch den Zusammenhalt der Zivilgesellschaft fördern.
Friedhelm Fragemann
Anmerkung: In loser Folge werden hier Gastkommentare sowie Gedankensplitter zur Information und Förderung der offenen Diskussion eingestellt. Bisher veröffentlichte Gedankensplitter von Friedhelm Fragemann finden die Leser auf dieser Internetseite am 17.8., 6.9., 30.9., 18.10., 12.11., 07.12.2024 sowie am 21.01.; 10.02.2025 sowie am 31.03.2025