Rhader Pylon gehört dazu
In der so genannten Saure-Gurken-Zeit (Ferien) hat eine Dorstener Zeitung noch einmal das Thema „Rhader Werbepylon“ zur Diskussion gestellt. Die Reaktion, so die Zeitung, war unterschiedlich. Befürworter und Gegner stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Dabei wurde aber nur das Bauwerk in der Landschaft bewertet.
Vor der Aufstellung des gigantischen Werbeträgers wurde aber auch von der Rhader SPD auf die damit verbundene Lichtverschmutzung aufmerksam gemacht.
Lichtverschmutzung?
Dieser Begriff hat für Stirnrunzeln gesorgt und wurde nicht selten für eine Übertreibung gehalten.
Jetzt hat die überregionale Tageszeitung FRANKFURTER RUNDSCHAU am 8. September 2010 einen eindrucksvollen Artikel von Norbert Mappes-Niediek veröffentlicht, der das Problem am Beispiel Europa klar und verständlich aufzeigt. Dazu werden Bilder gezeigt (http://www.fr-online.de/panorama/fotostrecken-panorama/-/1473594/4624146/-/index.html), die auch dem letzten Skeptiker klar machen, dass Lichtverschmutzung keine Marotte übereifriger Umweltschützer ist. Slowenien, ein junges EU-Land hat bereits gesetzliche Schlussfolgerungen gezogen und ist heute Vorreiter für ganz Europa.
Für den sehr lesenswerten Artikel hat die Rhader SPD die Genehmigung erhalten, ihn in voller Länge abzudrucken. Dazu danken wir dem Autor und der Zeitung.
Der Artikel folgt jetzt:
LICHTVERSCHMUTZUNG
Heller Wahnsinn Von Norbert Mappes-Niediek
Das schöne Ljubljana ist auch nachts schön. Vom Berge grüßt die angestrahlte Festung der slowenischen Hauptstadt, jenseits der drei kleinen Brücken über die Ljubljanica scheint die Fassade der barocken Franziskanerkirche mächtig in die Dunkelheit.
Herr Mohar aber, der Mann, der die Fotografien auf dieser Seite gemacht hat (http://www.fr-online.de/panorama/fotostrecken-panorama/-/1473594/4624146/-/index.html), blickt auf die erleuchtete Pracht ganz anders. Und wer als Fremder einmal mit dem freundlichen Herrn durch dessen Heimatstadt gezogen ist, wird nie wieder arglos durch nächtliche Straßen spazieren.
Es fängt damit an, dass Andrej Mohar meist ein faustgroßes Gerät vor dem Auge hat und darin etwas sieht, was andere nicht sehen:
Der Apparat misst die Leuchtdichte von Lichtquellen. Manches kann er aber schon mit ungeschütztem Auge wahrnehmen. Etwa ob Straßenlaternen unten ein flaches Glas haben oder einen gewölbten Reflektor, und ob die Schweinwerfer von unten oder von der Seite auf das Kirchlein gerichtet sind. In Ljubljana gibt es nämlich korrekte und gesetzwidrige Lampen. Das kleine Slowenien ist dank Andrej Mohar das erste und bisher einzige Land der Welt mit einem Gesetz gegen Lichtverschmutzung.
Noch ist aber nicht alles gut. „Vierhundertneunundsiebzig!“, ruft Mohar triumphierend, reicht das Gerät herüber und fragt: „Na? Wo ist da das Komma?“ Ein Komma ist da keins. Den Wert 479 zeigt das Messgerät vor der kleinen Reklametafel einer Autofirma an. 479 ist deshalb so eine sensationelle Zahl, weil das Gerät gerade erst das strahlende Dach einer Petrol-Tankstelle gegenüber vermessen hat. Da zeigte es nur 4,63 an. Beides ist gleich auffällig, und doch ist die unscheinbare Reklametafel hundert Mal heller als die Tankstelle. „Sehen Sie’s?“, fragt Andrej Mohar. „Haben Sie’s verstanden?“ Da muss er ganz sicher gehen.
Leuchtendes Europa
US-Militärsatelliten fotografieren nachts die Lichter der Erde. (http://www.fr-online.de/panorama/fotostrecken-panorama/-/1473594/4624146/-/index.html)
Auf dem Bild links erkennt man die lichtstärksten Gegenden in Gelb und Rot: Ballungsräume und Großstädte wie Berlin, Paris, London, Mailand, Industriezonen wie Nordengland, dicht besiedelte Regionen wie das Ruhrgebiet, die Niederlande und die norditalienische Po-Ebene.
Slowenien dagegen, am rechten unteren Rand des Europa-Bildes gelegen und weiß umrandet, ist im Vergleich dazu schwach beleuchtet.
Mohar, 48, Elektronik-Ingenieur, fing vor fünf Jahren an, gegen Lichtverschmutzung zu kämpfen. Damals fürchteten die Slowenen, der Mann wolle ihnen die Lampen abdrehen. Aber Mohar sagt, er streite ja nur gegen „schlechtes Licht“ wie das der Reklametafel, nicht gegen „gutes Licht“ wie das der Tankstelle. „Ljubljana“, sagt er, „ist nachts vielleicht heller als die meisten deutschen Städte. Trotzdem haben wir hier die Verschmutzung schon um ein Fünftel reduziert.“
Wer wissen will, was Lichtverschmutzung ist und wem sie schadet, muss sich auf einen kleinen Vortrag gefasst machen. Am klarsten wird es auf den Fotos vom Nachthimmel, die Mohar mit einem Teleskop geschossen hat.
Selbst im Nationalpark Triglav und sogar auf dem nahen Großglockner in Österreich ist am Horizont immer ein goldener Streifen zu sehen: die Lichtglocke von Villach oder Salzburg.
Schädliches Licht
Je mehr Lichtquellen nach oben in den Himmel gerichtet sind, desto heller strahlt die Stadt in den Weltraum. Mohar ist Hobby-Sternenbeobachter, und dabei störte ihn der Lichtschein schon immer. Aber als dann vor seinem Schlafzimmerfenster eine Laterne aufgebaut wurde, gab das den letzten Anstoß. Er wurde zum Kämpfer gegen Lichtverschmutzung.
Light-Spam, wie das Phänomen auch genannt wird, ist nicht nur lästig für Sterngucker, die gern die Milchstraße sehen würden. Es ist auch schädlich, versichert Mohars Mitstreiter, der Physiker Gregor Vertacnik. Er denkt dabei erst einmal an die Insekten, die helle Lampen für die Sonne halten. „Nachtfalter fliegen die ganze Nacht um sie herum, vermehren sich nicht mehr und fallen als Nahrungsquelle für Fledermäuse aus.“
Von Zugvögeln ist bekannt, dass sie über dem Ozean bis zur Erschöpfung um beleuchtete Bohrinseln kreisen. Aber auch dem Menschen schade es, wenn die Nacht zum Tag werde, betonen die Aktivisten. Bekannt ist, dass das Hormon Melatonin nur freigesetzt wird, wenn es dunkel ist. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, schützt am Tag vor Müdigkeit und auf Dauer vor Brust-, Prostata- und Darmkrebs, belegen Studien.