Mein liebes Ilsekind – ein wichtiger Buchtipp

Gesellschaft

Eine erschütternde Dokumentation über ein kleines Dorstener Mädchen

Mehr Verachtung vor dem Leben geht eigentlich nicht. Was die Nationalsozialisten an massenhaften Verbrechen gegenüber den Juden begangen haben, steht in vielen Büchern. Es sind aber immer wieder die Einzelschicksale, die uns die ganze Dimension des Wahnsinns der 30er und 40er Jahre nahe bringen.
Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel aus Dorsten hat jetzt ein Buch herausgegeben, das unter die Haut geht. Sie, die sich bereits in der Vergangenheit bei der Recherche über jüdische Bürgerinnen und Bürger aus unserer Stadt einen Namen gemacht hat, fand heraus, dass die Tochter der Eheleute Simon und Gertrud Reifeisen, die Gräuel der Nazis überlebt hat.

In Schweden lebend, stand sie, nach dem ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel aufgebaut werden konnte, zu ersten Gesprächen zur Verfügung.
Das Besondere waren aber die erschütternden Briefe, die überwiegend die Mutter Gertrud an ihre Tochter Ilse zwischen 1939 und 1942 fast wöchentlich schrieb, und die sich noch im Besitz von Ilse Reifeisen, jetzt Elise Hallin, befanden.
Die 13jährige Tochter konnte mit einem der letzten Kindertransporte nach Schweden vor den Nazischergen in Sicherheit gebracht werden. In wechselnden Pflegefamilien untergebracht, musste sie ohne Eltern aufwachsen. Der Versuch der Mutter, brieflich nicht nur Kontakt zu halten, sondern die Erziehung von außen brieflich zu steuern, lässt den Leser verstört zurück. Die Verzweifelung steigert sich von Brief zu Brief. Ilse kann unmöglich die vielen Fragen der Mutter zeitnah beantworten und dabei noch die ganze Dimension des Naziumfeldes in Deutschland verarbeiten.
Der Untergang der angesehenen Dorstener Kaufmannsfamilie Reifeisen wird systematisch betrieben. Am Ende stehen Deportation und die Ermordung. In den letzten Briefen der Mutter vom 19. Januar 1942 und vom 21. Januar 1942 des Vaters, ist die Verzweifelung der Eltern, ihr einziges Kind nicht mehr vor der „Ausreise nach Polen“ zu sehen, mit den Händen zu greifen. Die 2008 in der Essener Straße verlegten Stolpersteine für Gertrud und Simon Reifeisen erinnern die Dorstener Bürgerinnen und Bürger unübersehbar an ihre ermordeten Mitbürger. Kennt man jetzt dazu die Geschichte der Tochter Ilse, erfüllt den kritischen Betrachter, auch noch über 70 Jahre danach, Verständnislosigkeit und Scham über das, was da in Dorsten unter den Augen der „braven Einwohner“ geschehen konnte.
Das sehr liebvoll und aufwändig gestaltete Buch ist im Jüdischen Museum und dem Dorstener Buchhandel zu erwerben.

Dirk Hartwich

 
 

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