In Dorsten hat es über 40 Jahre gedauert, die kurze, aber schreckliche und mörderische NSDAP-Zeit vor der eigenen Haustür aufzuarbeiten. Ein Journalist und ein SPD-Ratsmitglied aus Rhade haben anfangs nachgefragt, recherchiert und die Geschichte dokumentiert. „Dorsten unterm Hakenkreuz“*), so der Titel mehrerer Bücher, die um 1980 und in den Folgejahren die Lippestadt bewegten. Die Idee der Forschungsgruppe bestand anfangs darin, insbesondere auch mit Schülerinnen und Schülern zusammenzuarbeiten, um mit ihnen das (Ver)Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration in unserer Stadt endlich aufzubrechen. Erfolgreich, wie wir heute wissen. Anfangs überwogen Skepsis, Ablehnung und auch Angst, dass die engagierten „Heimatforscher“ nicht seriös und fair über den dunklen Geschichtsfleck der Lippestadt berichten würden. Eine, die ganz unerschrocken, offen und offensiv auf die bereits agierende Dorstener Geschichtsgruppe zuging, mitarbeitete und eigene Zeichen setze, war Schwester Johanna Eichmann. Einmal lud sie unser Team, das sich mehrmals im Monat an wechselnden Orten traf, in das Lehrerzimmer des St.- Ursula-Gymnasiums ein, um als Gastgeberin zu fungieren. Fröhlich und unkompliziert öffnete sie zu Beginn erst einmal eine Flasche Wein, um dann gemeinsam mit uns über die erforschten Ergebnisse zu diskutieren. Für mich war es völlig ungewöhnlich, mit einer Ordensfrau, Schulleiterin und Opfer der NS-Zeit so selbstverständlich und partnerschaftlich zu diskutieren. Ihre Sprache war sehr gewählt, ohne unnatürlich zu wirken. „Immer druckreif“, wäre die korrekte Beschreibung. Sie half der Forschungsgruppe durch ihre Persönlichkeit, mit uns gemeinsam die Lippestadtgeschichte seriös und nachhaltig aufzuarbeiten. Eine starke Frau bleibt in meiner Erinnerung. Eine, die Vorbildcharakter hat.
Dirk Hartwich
*) www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de