Lembecker Landwirte überziehen und schaden sich selbst
Mit 3-monatiger Zeitverzögerung wurde jetzt in der Dorstener Zeitung über einen Vorgang berichtet, der bereits im Dezember 2015 für Irritationen und Kopfschütteln sorgte. Mit „Sorge um unser Grund- und Trinkwasser“ war der Aufsatz überschrieben, den der Unterzeichner bereits im Mai 2015 verfasst und der Redaktion des überregional geachteten Heimatkalenders zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Obwohl an keiner Stelle die Landwirtschaft pauschal für die weiterhin viel zu hohe Nitratbelastung in unserem Grundwasser verantwortlich gemacht wurde, forderten einige Landwirte die sofortige Vernichtung des Heimatkalenders und/oder einen Verkaufsstopp. Das überzogene und undemokratische Ansinnen eines Teils einer Berufsgruppe wurde von der gesamten Redaktion einhellig und mit Nachdruck zurückgewiesen. Der Heimatkalender 2016 wurde von vielen Autoren mit ca. 50 Beiträgen zu einem spannenden und interessanten Jahrbuch unserer Region verarbeitet. Ein Muss für jeden aufgeklärten Dorstener Bürger. Meine Empfehlung: Durch Kauf eines Buches (10 Euro), Solidarität mit der Heimatkalenderredaktion zeigen.
Dirk Hartwich
Hier können Sich bereits jetzt ein Bild über den "Vorgang" machen - Der Aufsatz im Wortlaut:
Sorge um unser Grund- und Trinkwasser - Nitratgrenzwerte werden nicht überall eingehalten
Alle Jahre wieder …
Alle Jahre wieder, der Januar ist gerade vorbei, flammt eine emotionale Diskussion besonders im ländlichen Bereich auf. Güllefahrzeuge verteilen Naturdünger auf Grün- und Ackerland, intensiver Geruch hält sich eine Weile in der Luft und erinnert die Bevölkerung daran, auf dem Land zu wohnen. Wenn es nur die kurzzeitige Geruchsbelästigung wäre, könnte man zur Tagesordnung übergehen. Es ist aber mehr als nur die momentane „dicke Luft“. Die Gülle soll, wird sie vorschriftsmäßig ausgebracht, ausschließlich die Bodenqualität verbessern. Ein Drittel aller Landwirte verhält sich vorbildlich, so Dipl.-Geologin Angela Herzberg, Mitarbeiterin der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerke, kurz RWW, in einer öffentlichen Stellungnahme. Nur ein Drittel? Genau hier beginnt das Problem, das über den ländlichen Raum hinausgeht. Es sind die schwarzen Schafe, durch die die Land- und Viehwirtschaft einfach nicht aus der Defensive herauskommt. „Mal ist es die industrielle Massentierhaltung, mal zuviel Gülle auf dem Acker, mal ungehemmter Einsatz von Antibiotika“, so die Kritiker. „Alles übertrieben, Pflege von Vorurteilen, kurz, Angriffe und Stellungnahmen von Menschen, die keine Ahnung von landwirtschaftlicher Betriebsführung haben“, so die Antwort der Landwirtschaft. Zwei unversöhnliche Positionen, die sich einfach nicht auf einen Nenner bringen lassen. Dabei wäre es dringend erforderlich, dass sich die beiden Lager aufeinander zu bewegen.
2 Bereiche gilt es in den Blick zu nehmen.
- Das Grund- und Trinkwasser
Es ist unser wichtigstes Lebensmittel, das ständig überprüft wird und das Reinhaltungsgebot absolut erfüllt, wenn es aus der Trinkwasserleitung des Grundversorgers, bei uns ist es die RWW-AG, sprudelt. Bevor es aber von uns bedenkenlos genutzt werden kann, hat es einen langen Weg hinter sich und vergisst nichts. Auf dem Weg nach unten nimmt es alles mit, was oben ausgebracht wird. Jetzt sind wir wieder beim Thema „Gülle“. Es sind unter anderem die zu hohen Nitratwerte, die durch zuviel und falsch verteilte Gülle das Grundwasser nachhaltig schädigen. Und zwar erheblich und gesundheitsgefährdend. Eingangs wurde erwähnt, dass damit nicht das eine Drittel der Landwirte gemeint ist, das sich gesetzeskonform verhält. Es sind die weiteren Betriebe aus der Land- und Gartenwirtschaft, die im Fokus der Kritiker stehen. Immerhin 2/3 aller Unternehmen in Dorsten, die als Mitverursacher der Wassermisere genannt werden müssen. Interessant ist, dass RWW diese 2/3 noch einmal unterteilt. Ein Drittel davon ist willig und einsichtig und verspricht, künftig zu kooperieren, sich also zu bessern. Aber das letzte Drittel muss als beratungsresistent gebrandmarkt werden.
Nachdem im Dorstener Norden, aber auch in Borken und den westlichen Nachbargemeinden Schermbeck/Gahlen, wieder deutliche Nitrat-Grenzwertüberschreitungen festgestellt wurden, vergleiche hierzu den entsprechenden Bericht des Landwirtschaftsministers NRW, muss es künftig nicht nur die gesetzliche Vorgabe (Düngeverordnung), sondern auch ein funktionierendes Controlling geben.
Angela Herzberg (RWW), die mit ca. 100 Dorstener Betrieben eine auf Freiwilligkeit basierende modellhafte Kooperation gebildet hat, ist aber mit ihrem Latein auch fast am Ende. So der Eindruck von außen nach ihrem exzellenten Vortrag vor dem Umweltausschuss des Dorstener Stadtrates Anfang 2015, der passend zum Thema im Wasserwerk Holsterhausen gehalten wurde. „Die Nitratfront bewegt sich unaufhaltsam mit ca. 3 Meter Geschwindigkeit pro Jahr in Richtung Grund- und Trinkwasser“. Der von der EU als zulässig akzeptierte Nitratgrenzwert liegt bei 50 Milligramm/Liter.
Im Dorstener Norden, Rhade führt hier die negative Rangfolge teilweise mit über
170 mg/l an, muss sich dringend etwas ändern. Denn tatsächlich gibt es trotz der seit Jahren laufenden genannten Kooperation zwischen Wasserversorger und Teilen der Landwirtschaft nach einer Phase der Stagnation, wieder ansteigende Werte.
Das was im Dorstener Norden beobachtet wird, ist fast überall in der Republik erschreckender Erkenntnisstand. Jetzt hat auch die EU in Brüssel die Geduld mit dem „Öko-Musterschüler“ Deutschland verloren. Nach mehreren Aufforderungen, endlich aktiv zu werden und die vor 20 Jahren eingeführten Grenzwerte im Grundwasser einzuhalten (50 mg/l), droht sie jetzt mit Klage.
- Die Massentierhaltung
Der Begriff alleine sorgt bei der Land- und Viehwirtschaft schon für Bauchschmerzen. Dort wünscht man sich lieber in der öffentlichen Diskussion die Überschrift Intensivtierhaltung. Was sich in den letzten Jahren auf diesem Gebiet getan hat, kann ohne Übertreibung als landwirtschaftliche Revolution bezeichnet werden. Tierhaltung im industriellen Maßstab hat dem Unternehmer einen lukrativen Markt und gute Renditen beschert, dem Verbraucher Überversorgung und dadurch bedingt, äußerst niedrige Preise für Milch- und Fleischprodukte. Klare Unternehmer- und Verbrauchervorteile auf der einen Seite bedingen andererseits gravierende Nachteile der Umwelt und Gefährdung der Gesundheit.
Wer mit offenen Augen durch den Dorstener Norden fährt, kommt an den riesigen neuen Ställen nicht vorbei. Hier stehen Kühe, Schweine und Geflügel auf engem, andere sprechen von engstem Raum, um „zu produzieren“. Für Dorsten werden folgende Zahlen genannt: Ca. 66.000 Schweine und fast 15.000 Rinder.
Das Verhältnis von Vieh und eigener Scholle stand früher in einem natürlichen Verhältnis. Stallmist und Gülle verbesserten den Boden rund um die Hofstelle ohne gravierende Vergiftung des tieferen Grundwassers. Heute fällt durch die intensive Tierhaltung aber soviel „Abfall“ an, dass die notwendigen Flächen zur umweltfreundlichen und natürlichen Entsorgung gar nicht zur Verfügung stehen. Ein so genannter Gülletourismus gehört zur neuen Geschäftsidee der Agrarwirtschaft. Der Gülleproduzent muss zahlen. Der Preis wird auf einer entsprechenden Börse nach Angebot und Nachfrage festgelegt.
Die Auswirkung: Zu viel Gülle auf zu wenig vorhandenem Boden. Dadurch bedingt: Grund- und Trinkwasserverunreinigung.
Die Qualität unseres Wassers gibt nämlich Anlass zu ernster Sorge. 37 Prozent (!) des deutschen Grundwassers erfüllt inzwischen nicht mehr die vorgeschriebene Normung.
Wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung?
Es wäre unredlich und zu einfach, dem handelnden Landwirt die alleinige Schuld zuzuweisen. Wir als Verbraucher müssen uns zumindest selbstkritisch fragen, was wir eigentlich wollen. Billigste Lebensmittel und der Verzicht auf Intensivtierhaltung geht nämlich nicht. Ulrich Peterwitz, für den Ressourcenschutz bei RWW verantwortlich: „Der Konflikt zwischen gutem Wasser und lukrativer Massentierhaltung ist grundlegend nicht lösbar“.
Das Beispiel Bioware zeigt, dass Fleisch- und Milchprodukte in der Regel deutlich teurer sind, wenn unter anderen, sprich umweltfreundlicheren und artgerechteren Bedingungen Ackerbau und Viehzucht betrieben werden. Schon wird deutlicher, dass wir alle in einem Boot sitzen. Eine Besserung der beschriebenen Problemfelder wird es nur geben, wenn wir, hier wie da, dazu bereit sind. Nötig wäre es im Interesse der Nachhaltigkeit und Verantwortung unseren Kindern und Kindeskindern gegenüber.
Anmerkung 1: Antibiotika in Futtermitteln, und später in Fleischprodukten, sind ein anderes Problem. In den Wasserproben des Versorgers RWW wurden bislang dazu aber keine negativ auswirkenden Spuren gefunden, so Angela Herzberg auf Nachfrage eines Dorstener Ratsmitglieds in der angesprochenen öffentlichen Sitzung.
Anmerkung 2: Ein nicht unerhebliches Problem sind, so RWW, aber unfachgemäße Geothermiebohrungen. Das Durchbohren der Dorstener Mergelscholle, die einen Schutz von oben nach unten bietet, macht aus der Deckschicht schnell einen „löchrigen Käse“, der die Grundwasserstöcke miteinander verbindet. So sind diese Bohrungen nur noch erlaubt, wenn RWW dazu „grünes Licht“ erteilt. In der Vergangenheit, so die Informationen vom örtlichen Wasserversorger, wurden nämlich bei unsachgemäßen Bohrvorgängen Wasser gefährdende Stoffe eingesetzt, die nachhaltig Langzeitschäden verursachten.
Fazit
Wasser ist unser Lebensmittel Nummer 1. Wenn wir wollen, dass die nachfolgenden Generationen auch noch das frische und erfrischende Wasser aus der Hausleitung oder den Hausbrunnen ohne Sorge trinken können, müssen wir das Oberflächen- und Grundwasser viel intensiver und nachhaltiger als bisher schützen. Die Land- und Viehwirtschaft ist ein entscheidendes Rädchen im Getriebe, aber ohne die anderen ineinandergreifenden Zahnräder kann die lebensnotwendige Maschinerie „Sauberes Grund- und Trinkwasser“ niemals rund laufen.
Hinweise:
- Die verwendeten Zitate, Zahlen und Informationen stammen teils von RWW (Vortrag vor dem Umweltausschuss der Stadt Dorsten), einem Bericht der Wochenzeitung DIE ZEIT, „Das Wasser wird schlecht“, vom 4. Sept. 2014, und der Berichterstattung in der Dorstener Zeitung, Anfang Februar 2015.
- In Deutschland fallen zurzeit pro Jahr 160 Millionen Kubikmeter Gülle an.
- Nitrat ist eine Stickstoffverbindung, die u. a. im Kot von Schweinen, Rindern und Geflügel steckt. Nitrat selbst ist nicht giftig. Wird es aber z. B. durch Trinkwasser aufgenommen, wandelt es sich im menschlichen Körper zu Nitrit und ist dann hoch giftig.
Dirk Hartwich