175. Geburtstag von August Bebel „Der Mann, der nie aufgab“

Gesellschaft

Günter Grass nennt ihn den „Mann, der nie aufgab“: August Bebel. Jahrzehntelang ist der Drechsler, Unternehmer, Bestsellerautor, Redner und Politiker das Gesicht der Sozialdemokratie. Vor 175 Jahren am 22. Februar 1840 wurde Bebel in Deutz bei Köln geboren.

„Sein Buch 'Aus meinem Leben' steht immer noch in meinem Wohnzimmerregal“, sagt SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan wenn man ihn auf Bebel anspricht. Bebel sei ein „ein großer Kämpfer und seiner Zeit, so muss man sagen, weit voraus gewesen“, erinnert sich Nietan. So habe Bebel sich zum Beispiel bereits sehr früh für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt. Auch heute seien viele seiner Forderungen noch aktuell:

Diesen Sonntag legt der SPD-Schatzmeister zu Ehren des 175. Geburtstags von August Bebel an dessen Geburtsort einen Kranz nieder und gedenkt dem herausragenden Sozialdemokraten.

Doch wer war August Bebel? Vor hundert Jahren darf Bebels Porträtbild in kaum einem Arbeiterhaushalt fehlen. Als der „Arbeiter-Kaiser“ am 13. August 1913 an seinem Kurort in der Schweiz an Herzversagen stirbt, geht eine Epoche zu Ende. Hunderttausende trauern. Ein Jahr später brechen Europas Fürsten den Ersten Weltkrieg vom Zaun. Sie wissen es noch nicht, aber ihre Welt geht unter. August Bebel hat es vorausgesagt.

Militarismus ist ihm zuwider


Schon früh geißelt Bebel den preußischen Militarismus. Berühmt – und unter Nationalisten berüchtigt – macht ihn seine vehemente Ablehnung von Annexionen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, seine Verteidigung der Pariser Kommune. Im Reichstag wächst der Sohn eines preußischen Unteroffiziers zum großen Gegenspieler Otto von Bismarcks heran, des „Eisernen Kanzlers“.

Bismarck fürchtet Bebel und bekämpft ihn mit allen Mitteln. 57 Monate seines Lebens muss der Sozialdemokrat hinter Gefängnismauern verbringen. Immer wieder wird er schikaniert, vor allem während des zwölfjährigen Verbots sozialdemokratischer Parteiarbeit („Sozialistengesetz“). Am Ende triumphiert er über Bismarck. Dessen Reich zerbricht, die SPD erstarkt, 1919 ruft ein Sozialdemokrat die Republik aus.

Hunger nach Wissen


In Deutz bei Köln wird August Bebel 1840 geboren. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater stirbt früh. Mutter Wilhelmine zieht nach Wetzlar um und bringt die Familie mit Heimarbeit durch. Als der Sohn 13 Jahre alt ist, stirbt sie an Tuberkulose.

 

August Bebel am Schreibtisch, 1888
August Bebel am Schreibtisch, 1888 (Foto: AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Weiterführende Schulen sind dem begabten und wissbegierigen, aber mittellosen Jungen verschlossen. Die kostenfreie Schule für alle wird eine zentrale Forderung der Sozialdemokratie.

August Bebel lernt das Drechslerhandwerk. Als Geselle auf Wanderung kommt er mit katholischen Gesellenvereinen in Kontakt. Er hört Vorträge, liest Zeitungen. Sein politisches Interesse erwacht. 1860 lässt er sich in Leipzig nieder, einem Zentrum des Buchdrucks. 1863 macht er sich selbstständig – und nimmt am Vereinstag deutscher Arbeitervereine in Frankfurt teil. Der VDAV versteht sich als liberale Konkurrenz zum im selben Jahr gegründeten ADAV, dem Vorgänger der SPD.

Der erste Feminist


Durch Lektüre und Beobachtung wird Bebel zum Sozialdemokraten. 1865 erlebt er in Leipzig den ersten Buchdruckerstreik. Auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins lernt er Julie Otto kennen. Sie arbeitet in einem Putzwarengeschäft. 1866 heiraten die beiden. Fortan organisieren sie ihr Leben, ihre kleine Fabrik für Tür- und Fenstergriffe und Bebels rasch wachsende politische Aktivitäten gemeinsam.

Julie Bebel dürfte ihren Mann inspiriert haben, während einer Festungshaft 1877 seine Gedanken zur Emanzipation der Frauen zu Papier zu bringen. 1879 erscheint das Buch „Die Frau und der Sozialismus“ zum ersten Mal. Es wird ein Bestseller – wie weitere Bücher Bebels auch. 1910 erscheint die 50. Auflage!

Noch dürfen Frauen weder wählen noch studieren. Im Sozialismus – also einer von Sozialdemokraten gestalteten Welt – soll das laut Bebel anders sein:

„Eben noch praktische Arbeiterin in irgend einem Gewerbe, ist sie in einem anderen Teil des Tages Erzieherin, Lehrerin, Pflegerin, übt sie in einem dritten Teil irgend eine Kunst aus oder pflegt eine Wissenschaft und versieht in einem vierten Teil irgend eine verwaltende Funktion. Sie treibt Studien, leistet Arbeiten, genießt Vergnügungen und Unterhaltungen mit ihresgleichen oder mit Männern, wie es ihr beliebt …“

Rosa Luxemburg soll, so schildert es die Historikerin Helga Grebing, diese Passage aus Bebels berühmtem Buch so kommentiert haben: „Ach, August, ich liebe Dir!““

„Die Verkörperung der Partei“

 

Beerdigung August Bebel 1913
Beerdigung von August Bebel, 1913 (Foto: AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung)

1910 stirbt Julie Bebel. August Bebel verbringt jetzt aus gesundheitlichen Gründen viel Zeit bei seiner Tochter in der Schweiz, bleibt aber Reichstagsabgeordneter und bis zu seinem Tod einer von zwei Vorsitzenden der SPD. Er ist ihre Stimme, ihr bekanntestes Gesicht, er hält in der größten Erregung alle Flügel der Partei zusammen. Eduard Bernstein wird ihm nachrufen, er sei „die Verkörperung der Partei“.

Fast zehntausend Menschen folgen Bebels Sarg auf den Friedhof in Zürich-Sihlsfeld: „Treu übers Grab hinaus, des Volkes bestem Sohne, gedenken Dein, der Arbeit Bataillone.“ Postkarten mit Bebels berühmtem Porträt werden massenhaft als Treueschwüre versandt.

Bebels Vermächtnis


1947 gründen Sozialdemokraten das August-Bebel-Institut in Berlin, „um den Wiederaufbau einer demokratischen und sozialen Gesellschaft voranzubringen“. Und um, bis heute und ganz im Sinne Bebels, politische Bildungsarbeit zu leisten.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass ruft 2011 mit 250.000 Euro aus Buchhonoraren die August-Bebel-Stiftung ins Leben  – um die Erinnerung an diesen großen Politiker aufzufrischen, aber auch, wie er sagt, um sich zu bedanken: „Er hat mich gelehrt, Niederlagen als belebend zu empfinden.“

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