Dorsten: Ein Brunnen, seine Geschichte und viele Fragezeichen

Kommunalpolitik

Ein Geschenk wird zum Zankapfel – Marion Taube schreibt beeindruckenden Offenen Brief an Bürgermeister

 

Wir machen Mitte! Ein Slogan zum Stadtumbau. Fassaden wurden gestrichen, die Fußgängerzone neu gepflastert, ein WIR-Gefühl geboren. Geld schien keine Rolle zu spielen. Der Marktbrunnen, ein Geschenk der späteren Ehrenbürgerin Schwester Paula – Tisa von der Schulenburg, sollte während der Plattierungsarbeiten abgebaut und restauriert werden. Plötzlich wird über den Standort und den Wert des Gesamtkunstwerkes öffentlich gestritten. Peinlich! Wir veröffentlichen mit der Zustimmung von Marion Taube ihren Offenen Brief an den Bürgermeister in gesamter Länge an dieser Stelle. Wir bitten alle Leser, sich einzumischen und für den Brunnen am Marktplatz einzutreten.   Der Wortlaut:

 

Ach, es wäre ja herrlich, wenn um jedes öffentliche Kunstwerk in Dorsten, seinen künstlerischen Wert, seine Aufstellung, seinen Ursprung, seinen Werdegang, wer, wann, was und warum unter welchen Bedingungen, so professionell gerungen, so vehement diskutiert würde, wie in diesem Fall.
Der bereits dem öffentlichen Auge entzogene Tisa-Brunnen, ein öffentliches Artefakt der späteren Dorstener Wiederaufbaujahre, wird nun, wie zu lesen war, in einer eigenen Gleichung aus Werk und Zustand dividiert durch Kosten und Nutzen auf seinen Kunstwert festgelegt, und der sei offenbar begrenzt auf seine Platten-Haut: Dieser neue künstlerische Leitindex ergibt dann die Legitimation zum Verfahren: keine ganzheitliche Behandlung resp. Restaurierung des Objektes mehr, keine Heimkehr an den angestammten Platz, keine lebendige Kontur mehr im öffentlichen Raum. Stattdessen als Empfehlung eine Separierung in kunstwürdige Segmente hier und Entsorgungsware dort, sowie eine Zurschaustellung des deklariert Kunstwerten im geschlossenen musealen Raum.
Tisa hat auf der Höhe der damaligen Zeit als Auftragsarbeit einen Brunnen für das öffentliche Herz dieser Stadt, den Dorstener Marktplatz geschaffen. Dieser Werkskontext aus Aufgabe, Ort, Zeit, Erinnerungsraum und Bestimmung war ihr wichtig und kennzeichnet ihr gesamtes Schaffen. Hätte man sie seinerzeit um erinnerungsträchtige Reliefplatten für einen musealen Kontext gebeten, es wäre kein Brunnen entstanden. Sie erschuf aber einen, lebendig sprudelnd, Geschichte und Geschichten erzählend, für einen zentralen Platz, tauglich zur Erbauung ganzer Generationen. Ihr Markt-Brunnen ist mit jeder Facette seines Seins, das, was sie für genau diesen Ort in dieser Art und Weise erschaffen wollte. Tisa wirkte immer in großer Ganzheitlichkeit.
Dieser Brunnen wird nun ...

heiß geliebt von großen Teilen der Stadtbevölkerung. Zugegeben, das ist kein klassisch kunsthistorisches Argument, aber es ist ein sehr starkes, denn auch leidenschaftliche Emotionen haben die Werke der Kunstgeschichte oft genau zu dem gemacht, was sie heute sind: Werke der Kunstgeschichte. Positive Bindungen und mannigfaltige persönliche Erinnerungen in einer Fülle und Dichte für ein kulturelles Gemeingut, wie sie in unseren Tagen fast ausgestorben scheinen: das allein ist schon berührend, und bedenkenswert.
Warum nicht eine Restaurierung? Auch verwittert bleibt der Brunnen eine starke Arbeit. Die geschliffenen Stellen sind mit der Patina der persönlichen Erinnerung so vieler Menschen aufgepolstert, da bleibt keine Lücke. Tisas Darstellung der Dorstener Geschichte, die sie dort verewigt, umschlingen ungezählte persönliche Brunnengeschichten durch die Jahrzehnte. Und grad die Kinder haben den Tisa-Brunnen immer in besonderer Weise geliebt, nichts vom Text verstanden, aber seine Linien verfolgt, in seine Vertiefungen die Finger gebohrt, die Erhebungen sinnlich geprüft, mit dem murmelnden Wasser gespielt und alles zusammen für gut befunden. Kinder sind feine Seismografen für den Wert von Kunst im öffentlichen Raum. Sie ermessen schnell und instinktsicher, vermessen nicht umständlich. Diese Brunnen-Landschaft will erfühlt bleiben und nicht aus sicherer Distanz betrachtet, losgelöst vom Alltagsgeschehen.
Zu teuer? 100.000 € stehen im Raum. Wer hat sie genannt? Gut. Nehmen wir sie als Basis an. Wenn von den rund 77.000 Einwohnern Dorstens, von denen zahlreiche Bürgerinnen und Bürger diesen Brunnen wiederaufgestellt wissen wollen, wie man liest, und ein jeder nur einen Euro hergäbe, es dürfte an den Finanzen nicht scheitern. Derzeit klingt jedenfalls die Rede von einem möglichen „Folgekunstwerk“, das auch einen Preis haben wird, eher nach Androhung als nach schöner Aussicht.
Im Zweifel wäre auch eine wirklich gut gemachte Replik des Brunnens denkbar. Auch die kostet natürlich. Es soll in Dorsten exzellente Steinmetze geben. Und unter uns Liebhabern des Tisa- Brunnens: hat je ein Florenz-Besucher dem David auf der zentralen Piazza della Signoria weniger innig gehuldigt und an den Füßen kitzeln wollen, auch wenn sein Original sich schon lange geschützt in der Galleria dell ́ Accademia befindet? Oder noch trefflicher: Jacopo della Quercias Brunnen „Fonte Gaia“ auf der Piazza del Campo in Siena. Kein Mensch vermisst das Original, alle verehren die Kopie aus dem 19 Jahrhundert, aber niemand in der Welt möchte diesen einmaligen, stadtbildprägenden Brunnen missen.
Warum nicht dieses, von so vielen geliebte Brunnen-Objekt wieder mitten hineinholen in das Herz unserer Stadt, es wieder im Alltag feiern, viele Stadtbewohner glücklich und Dorsten damit unbezahlbar reicher machen.

 Mein Euro ist bereits im Bürgermeisterbüro abgegeben.

Marion Taube, Dorstener Bürgerin und Kunsthistorikerin im Juni 2020

 
 

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