Zwei Bücher faszinieren und machen zeitgleich betroffen
Die 1980er Jahre waren die Blütezeit der „Geschichte von unten“. In fast allen deutschen Städten wurde, 40 Jahre nach dem Ende des „1000-jährigen Reiches“ der unsichtbare Schleier der Verdrängung, die Nazizeit und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung betreffend, von nachfragenden Bürgern wie „du und ich“ weggezogen. Zum Vorschein kamen lokale Verbrechen, die dokumentiert und veröffentlicht wurden. „Dorsten unterm Hakenkreuz“ ist ein Beispiel von vielen. Aktuell, weitere 40 Jahre später, können wir mit einem Klick nachlesen, ob die eigenen Eltern/Großeltern auch als Mitglieder der NSDAP gelistet waren. „Das wusste ich nicht“, so die überraschende Erkenntnis nicht weniger Zeitgenossen, die mit der „Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl) gesegnet sind. Gleichzeitig ein Motiv, in der eigenen Familie zu recherchieren, woher ich komme, wie meine Eltern und Großeltern lebten, ob sie die NS-Zeit passiv begleiten konnten, ob sie Widerstand geleistet haben oder vielleicht selbst Steigbügelhalter der NS-Verbrecher waren. Die beiden in der Titelzeile erwähnten Bücher nehmen den Leser auf eine berührende Zeitreise mit. Eine Enkelin* blättert das Schicksal ihres jüdischen Großvaters auf, eine Tochter** versteht ihren jüdischen Vater erst nach dem Studium von Fotoalben, Briefen und Archivmaterial. Zwei sehr persönliche Geschichtsbücher. Beide sehr lesenswert.
Dirk Hartwich
* Shelly Kupferberg - „Isidor“
** Nadine Olonetzky - „Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist“