Es tut gut, immer mal wieder in Erinnerungen abzutauchen, um nicht völlig den Glauben an Politik und ihre aktuellen Akteure zu verlieren. Das Buch, das Egon Bahr über „seinen Freund“ Willy Brandt 2014 geschrieben hat, begeistert mit seinen sehr persönlichen Geschichten über viele Politiker, die in der Nachkriegszeit Geschichte geschrieben haben. Eine Geschichte die zeigt, dass neben Sachverstand besonders Sympathie und gegenseitiges Vertrauen unabdingbar sind, um etwas zu bewegen. Und Willy Brandt war so eine Persönlichkeit, die zeitlebens für Frieden und Gerechtigkeit eingetreten ist. Egon Bahr, über Jahrzehnte ganz enger Wegbegleiter, schildert einfühlsam auch den Menschen Willy Brandt als verletzlich, häufig in sich gekehrt, manchmal sehr einsam. Egon Bahr kehrt seine Verdienste über die erfolgreichste weltweite Entspannungspolitik unter der Führung von Willy Brandt keineswegs unter den Tisch, rückt sich aber nie in den Vordergrund. So bleibt das Bild des Kanzlers und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt bestehen, dass charismatische und unbestechliche Politiker weiter Vorbild für alle Menschen weltweit sein können, um sich gesellschaftspolitisch einzubringen. Schockierend sind übrigens Bahrs ungeschminkte Ausführungen über Herbert Wehner. Er hat, so seine belegbaren Erinnerungen, Willy Brandt bei Erich Honnecker (DDR) nicht nur verraten, sondern maßgeblich seinen Sturz als Bundeskanzlers betrieben. Lesenswert!
Dirk Hartwich
(Das Taschenbuch, 230 Seiten, ist im List-Verlag erschienen)