Rhader Diskussion über Freihandelsabkommen zieht weite Kreise
Klar und unmissverständlich die Position der Dorstener SPD nach der engagierten Diskussion in Rhade: TTIP um jeden Preis? Nein danke! Das hat jetzt auch der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel in einem Schriftwechsel mit der Lippestadt-SPD bestätigt. Vorläufiges Fazit: Der Rhader Aufschlag hat mit dazu beigetragen, dass in der Bundes-SPD engagiert diskutiert wird. Ein kleiner Erfolg gelebter Demokratie.
Sigmar Gabriel schreibt (stark verkürzt):
Er sei nicht um jeden Preis für TTIP, die Verhandlungen müßten endlich transparent geführt werden, kulturelle, ökologische oder soziale Standards dürfen nicht gefährdet werden, die öffentliche Daseinsvorsorge müsse unberührt bleiben. Ferner dürfen die demokratischen Willensbildungsprozesse und die Entscheidungen in den Parlamenten nicht eingeschränkt werden.
Sigmar Gabriel aktuell in Kiel zum gleichen Thema:
TTIP bewegt und erregt die Gemüter. Viele Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Norden halten wenig vom Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA. So ist auch die Stimmung auf der SPD-Veranstaltung im Gewerkschaftshaus in Kiel am Mittwochabend zunächst verhalten. Parteichef Sigmar Gabriel stellt sich der Diskussion. Dass im Norden Klartext geredet wird, darauf ist Gabriel gefasst. Das kann er auch – und er will sie für das Abkommen gewinnen, deshalb ist er gekommen.
Aber erstmal redet Ralf Stegner, der Landesvorsitzende und stellvertretende Parteivorsitzende. Der schlägt versöhnliche Töne an. „TTIP hat ein Imageproblem. Es gilt als Sinnbild des ungebremsten Kapitalismus“, sagt Stegner, um alsbald für eine „differenzierte Betrachtung“ zu werben: Schließlich könne mit TTIP die größte Freihandelszone der Welt entstehen mit fortschrittlichen Standards, die auf andere Teile der Welt ausstrahlen. Stegner: „Unser Interesse ist, das die Globalisierung gute Regeln bekommt.“
Sigmar Gabriel und Ralf Stegner (Foto: Dirk Bleicker)
„Ich stimme dem Vorsitzenden des Landesverband in jedem Detail seiner Rede zu“, beginnt Gabriel sein Statement. Er hat damit sogleich die Lacher auf seiner Seite, denn dass das längst nicht immer der Fall ist, weiß fast jeder im Saal. Gabriel lobt weiter: In keiner anderen Partei in Europa werde so intensiv über TTIP diskutiert wie in der deutschen Sozialdemokratie: „Die SPD darf ein wenig stolz sein, dass sie diese Debatte führt. Am Ende haben wir die Chance, etwas zu bewegen.“ Zum Beispiel beim Investorenschutz und möglichen privatwirtschaftlich organisierten Schiedsgerichten. „Geht gar nicht“, sagt Gabriel. Denn er lehnt die privaten Schiedsstellen ab – und hat auf europäischer Ebene bereits eine Alternative ins Gespräch gebracht. Die Chancen stünden gut, dass die neue Handelskommissarin Cecilia Malmström den Vorschlag übernehme, die Schiedsgerichte in öffentlich-rechtliche Institutionen umzuwandeln.
Bei TTIP steht viel auf dem Spiel, das wird in dieser Veranstaltung klar. „Wir wollen das Abkommen, weil die Welt sich verdammt schnell ändert und zwar nicht zugunsten Europas“, mahnt Gabriel. Europa, insbesondere Deutschland als Exportnation, lebe davon, effektiv und umweltschonend produzierte Industrieprodukte in die ganze Welt zu verkaufen. Gabriel: „Wir brauchen Partner, um diese Standards durchzusetzen.“ Die Frage sei doch: Schaffe Europa es, die politischen, sozialen, kulturellen und ökologischen Standards im Welthandel mit zu bestimmen oder werde es sich in absehbarer Zeit an die Standards anderer anpassen müssen? Mit TTIP, also zusammen mit den USA, biete sich vielleicht zum letzten Mal die Gelegenheit.
Die mit dem Abkommen verbunden Ängste will Gabriel auszuräumen. Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz-, Sozial- und Umweltstandards dürften nicht gefährdet werden. Die öffentliche Wasserversorgung werde ausgenommen. Selbstverständlich müsse das Recht jedes einzelnen Mitgliedstaates erhalten bleiben, Standards zu setzen und anzuheben. Gabriel: „Wir setzen nicht die Verfassung außer Kraft.“
Das überzeugte nicht jeden und jede im Saal – aber die meisten. Einer wollte noch wissen, ob die SPD über das Abkommen abstimmen könne. Das sei schon geschehen, erinnerte der Parteichef: nämlich als die SPD mit 76 Prozent dem Koalitionsvertrag zustimmte – mit dem Bekenntnis zum Freihandelsabkommen. Pro und Kontra wird bleiben. Einig waren aber die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, dass Transparenz und offene Diskussion der richtige Umgang mit dem Thema sind – am Ende gab es ordentlich Applaus für Sigmar Gabriel.
www.spd.de
Ihr Feedback zu diesem Artikel: