Zeitenwende hat u. a. Kirchen, Politik, Vereine, Presse im Schwitzkasten
Die Welt wird nicht untergehen, wenn nach 120 Jahren die katholische Frauengruppe Wulfen öffentlich das Aus ihres Engagements erklärt. Wer aber ein Gesamtbild aus Mosaiksteinen zusammensetzt, erkennt immer klarer, wohin unsere Gesellschaft steuert. Hier ist es die KFD, dort ein Verein ohne Jugendabteilung, nicht weit entfernt Parteien mit rasantem Mitgliederschwund, Zeitungsverlage, die aufgeben und Kirchen, denen die Gläubigen die rote Karte zeigen. Eine Entwicklung, die besorgniserregend ist. Der Staat, also unsere Verwaltung, kann die entstandenen Lücken der Zivilgesellschaft nicht schließen. Unsere Demokratie ist in Gefahr! Sie gehört zur kritischen Infrastruktur, so der Bundespräsident. Ein Alarmruf von ganz oben. Wir da unten müssen aufwachen, zuhören und uns neu aufstellen. In der Kirchengemeinde, der örtlichen Partei, im Sportverein. Und wir müssen nicht denen nachlaufen, die auf schwierige Fragen ganz einfache Antworten parat haben. Die Welt wird durch das KFD-Aus in Wulfen nicht untergehen, wer aber die unverzichtbare Sozial- und Seelsorgearbeit jetzt dort leisten soll, bleibt, unbeantwortet. Wieder ein Mosaikstein, der aus unserem Gesamtbild FUNKTIONIERENDE GESELLSCHAFT herausgefallen ist.
Nachdenkliches aus Rhade
Veröffentlicht am 02.11.2022
Wenn Realpolitik auf Moral trifft
Wir sind ein reiches Land. Unser Lebensstandard ist hoch. Wenn wir klagen, dann auf hohem Niveau. Das ist das Ergebnis unsere Wirtschaftens. Wir waren jahrelang Exportweltmeister. Wir haben überall auf der Welt eingekauft. Egal, ob ein Diktator regierte oder die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Das wichtigste Kriterium war der günstige Preis. Jetzt reist unser Bundeskanzler Olaf Scholz nach China. Eine Wirtschaftsdelegation begleitet ihn. Im Gepäck sind auch gute Ratschläge über die Moral. China ist kein demokratisches Land. Die individuellen Menschenrechte zählen nichts. Aber China ist ein wirtschaftlicher Riese, mit dem wir eng verflochten sind. Wer will, dass Deutschland die Brücken zu China und allen anderen nichtdemokratischen Ländern sofort abbricht, muss auch eine Antwort auf das DANACH geben. Natürlich wird Olaf Scholz vor Ort auch über die Menschenrechte sprechen. So wie das seine Vorgängerin Angela Merkel auch getan hat. Im Mittelpunkt wird aber die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit stehen. So geht Realpolitik. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, heißt es treffend in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht.
Rhader Gedanken zur bevorstehenden China-Reise unseres Bundeskanzlers
Veröffentlicht am 01.11.2022
„Wir haben nichts falsch gemacht“
Rote Zahlen auf dem Kontoauszug signalisieren, dass die Stunde der Wahrheit angebrochen ist. Spätestens jetzt müssen alle Ausgaben auf den Prüfstand. Das ist im Privatleben nicht anders als in einem Unternehmen oder der Stadtverwaltung Dorsten. Hier mussten sich die 44 Ratsmitglieder (mal wieder) anhören, dass in Dorsten finanziell „Land unter“ ist. Gerade schien man die letzte Krise durch Sparen überwunden zu haben, entsprechende Erfolgsmeldungen sind noch im Ohr, werden die gut 70.000 Einwohner auf die nächste kommunale Durststrecke eingeschworen. Ausgenommen davon sind die Pflichtaufgaben. An den Kragen wird es wieder dort gehen, wo Bürger sich ehrenamtlich einbringen, um mit besonderer Kreativität das eigene Quartier liebens- und lebenswerter zu gestalten. Der Satz des Kämmerers, nichts falsch gemacht zu haben, drückt bestens die eigene Ohnmacht aus. Jeder Husten im Land und Bund löst innerhalb kürzester Zeit in der Lippestadt eine schwere Erkältung aus. Ein Indiz dafür, dass auch nach Jahrzehnten der Diskussion über eine gerechte Finanzausstattung strukturschwacher Kommunen, keine nachhaltige Wende erreicht wurde. Ernüchterung nicht nur im Stadtrat, sondern auch im Bereich Bürgermitwirkung. Die funktioniert dauerhaft nur dann, wenn Versprechungen des Rathauses auch eingehalten werden. Rhade kann ein Lied davon singen, wie Projekte in der Warteschleife erst verhungern, dann vergessen werden.
Erste Rhader Gedanken zur Haushaltseinbringung der Stadt Dorsten. Wird fortgesetzt.
Veröffentlicht am 31.10.2022
Vorwort in neuer fiftyfifty-Straßenzeitung zwingt zum Nachdenken
Liebe Leserinnen und Leser,
neulich besuchte ich wieder eine weiterführende Schule, um Schüler*innen im Bereich Gestaltung und Design dazu zu motivieren, Werbe-Postkarten und neuerdings Social Media Posts für fiftyfifty zu kreieren. Die zum Teil großartigen Ergebnisse der letzten Jahrgänge haben wir stets in dieser Zeitung und auf Facebook veröffentlicht. In diesem Jahr allerdings musste ich eine bittere Erfahrung machen. Die jungen Leute, eigentlich hoch motiviert, baten um ein anderes Thema. Sie könnten mit dem Medium Zeitung nichts anfangen. Ich wollte es genauer wissen und fragte, wer denn überhaupt unsere Straßenzeitung ab und zu lesen würde. Das Ergebnis war ernüchternd, geradezu niederschmetternd. Niemand. Junge Leute lesen keine Medien mehr auf Papier und für digitale Inhalte sind sie nur selten bereit, Geld zu bezahlen. Was bedeutet das für die Zukunft von fiftyfifty, für die Zukunft von Straßenzeitungen? Ich befürchte, wir kommen wohl nicht umhin, festzustellen, dass wir den Anschluss an die junge Generation verloren haben. Dabei ist die Bereitschaft, Obdachlosen auf der Straße zu helfen, groß. Im letzten Monat haben wir zusätzlich zum Magazin 10.000 Aufkleber der Toten Hosen angeboten. Sie waren nach nur einer Woche vergriffen. Auch unser Straßenhunde-Kalender läuft gut, da das Medium Kalender eben prinzipiell noch funktioniert. So lange wir keine Alternative haben, womit Obdachlose auf der Straße Geld verdienen können, ist es wichtig, für den Erhalt von fiftyfifty und Straßenzeitungen zu kämpfen. Jeden Monat werden durch den Verkauf dieser Zeitung völlig unbürokratisch über 100.000 Euro umverteilt – zwischen Menschen, die etwas haben, und sei es nur wenig, und Menschen, die nichts haben. Das müssen wir erhalten. Zudem ist es wichtig, dass Begegnungen stattfinden. Dabei ist Hilfe durchaus keine Einbahnstraße. Die obdachlosen Verkäufer*innen leisten einen wichtigen Beitrag als Straßenseelsorge*innen, Kummerkästen und Expert*innen in Sachen Einsamkeit und Not. Danke, dass Sie fiftyfifty gekauft haben. Danke, dass Sie sich für unsere wichtigen, guten und kritischen journalistischen Inhalte interessieren. Bitte empfehlen Sie uns weiter. Bitte kaufen Sie, wenn möglich, zwei Zeitungen pro Monat und verschenken Sie eine. Damit unser Projekt fiftyfifty nicht untergeht.
Herzliche Grüße, Ihr
Hubert Ostendorf, Geschäftsführer von fiftyfifty
Nachsatz: Wir unterstützen solidarisch die wichtige Arbeit von fiftyfifty und allen Wohnungslosen-Initiativen und bitten unsere Leser, die Straßenzeitung immer zu kaufen und/oder das beeindruckend günstige Jahresabo der fiftyfifty-Digitalausgabe zu buchen. Eine Zeitung, die monatlich erscheint, hervorragend gemacht ist und den wichtigen Blick über den Tellerrand unserer Gesellschaft schweifen lässt.
https://www.fiftyfifty-galerie.de/
Veröffentlicht am 29.10.2022
„Unsere Demokratie gehört zur kritischen Infrastruktur. Sie schützen können wir nur selbst.“
Veröffentlicht am 28.10.2022