Nachrichten zum Thema Gesellschaft

Gesellschaft Wer hat, dem wird gegeben …

Richtig oder falsch?

Blicken wir in die Bibel, stoßen wir schnell auf den immer wieder zitierten Vers des Matthäus-Evangeliums 25,29: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden." Nun blicken wir in das Grundsatzprogramm der SPD. Hier stehen obenan die Grundwerte FREIHEIT, GERECHTIGKEIT, SOLIDARITÄT. Und weiter: „Wirtschaftliche Demokratie ist unverzichtbar, um die Forderung des Grundgesetzes mit Leben zu erfüllen: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Zwei Positionen, die, oberflächlich betrachtet, nicht unterschiedlicher sein können. Und nun wandert unser Blick in die Realität. Dazu blättern wir in den Studien der britischen Nichtregierungsorganisation OXFAM. Konkret heißt es da für Deutschland, dass 10% unserer Reichsten über 67% des Gesamtvermögens, die Ärmsten 50% dagegen nur über 1,3% „Vermögen“ verfügen können. Noch deutlicher: "Von dem gesamten neuen Vermögen, das zwischen 2020 und 2021 in Deutschland erwirtschaftet wurde, gingen 81 Prozent an das reichste Prozent, während die restlichen 99 Prozent nur 19 Prozent erhielten". Die in der Überschrift gestellte Frage kann jetzt der Leser selbst beantworten.

Rhader Nachdenkzeilen

Veröffentlicht am 19.01.2023

 

Gesellschaft Muss DEMOKRATIE neu definiert werden?

Praktische Beispiele für eine positive Weiterentwicklung liegen auf dem Tisch

Die abwertende Bezeichnung „Bananenrepublik“ wird immer dann benutzt, um die demokratischen Strukturen und das Rechtssystem eines Entwicklungslandes gering zu schätzen. Inzwischen gibt es Länder, die aus unserer Sicht mit Gewalt in die Kategorie Entwicklungsland aufgenommen werden wollen. Wer jetzt USA, Brasilien, Ungarn und andere liest, hat verstanden. Arrogant wäre, jetzt aber nur über den Tellerrand Deutschlands zu blicken. Es ist beste demokratische Übung, nicht nur mit dem Strom zu schwimmen, sondern Fehlentwicklung vor unserer Haustür zu erkennen und zu benennen. Die  gewählten Vertreter sind gut beraten, dann genau hinzuhören. Auch wenn die Kritiker nicht „in Amt und Würden“ sind. Vor Ort leisten die sogenannten Bürgerforen hervorragende Unterstützung für die Verwaltung und den gewählten Stadtrat. Eine klare Weiterentwicklung unseres Demokratieverständnisses. Aber nicht das Ende. Hier kommen vermehrt Bürger-Räte ins Spiel, die nach repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählt oder ausgelost werden, um, so legitimiert, zeitlich begrenzt Lösungsvorschläge auf allen Gebieten zu erarbeiten. Begleitet werden sie dabei von Experten und Verwaltungsfachleuten. Erfolgreiche Beispiele sind aus Irland, Finnland, Belgien und Frankreich bekannt. Auch in unserem Land gibt es Ansätze, die in diese Richtung weisen. Gut wäre, wenn auch in Dorsten die Weiterentwicklung unserer kommunalpolitischen Strukturen nicht aus den Augen verloren wird.

Rhader Nachdenkzeilen

Veröffentlicht am 11.01.2023

 

Gesellschaft Ohne Frieden ist alles nichts (4)

Alle genannten Dorstener Aktivitäten hatten nur das eine Ziel, nach den Erfahrungen des 2. Weltkriegs, Politiker aller Parteien vor Ort, im Land und in aller Welt davon zu überzeugen, dass Krieg keine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln mehr sein darf. Der Diplomatie, der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit sollte absoluter Vorrang im globalen politischen Handeln eingeräumt werden. Also Frieden

schaffen und erhalten – ohne Waffen! So wie es im UN-Völkerrecht verbrieft ist.

Aus der Vielzahl der Aktionen und Aktivitäten der Dorstener Friedensgruppen wird beispielhaft eine für diesen Aufsatz herausgegriffen, um die Dynamik und Kreativität des Engagements ins Gedächtnis zurückzurufen.

Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 1945

Deutschland wurde an diesem Tag durch die Alliierten aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion vom mörderischen Nationalsozialismus befreit.

Im Nachkriegsdeutschland dauerte es aber noch 40 Jahre, bis unsere Erinnerungskultur eine neue, entscheidende Wende nahm.

Es war der christdemokratische Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai 1985 eindrucksvoll in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag der deutschen Bevölkerung den Spiegel vorhielt. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands darf nicht länger nur als Niederlage, Stunde Null oder Zusammenbruch gewertet werden, sondern als „Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Die Dorstener Friedensbewegung beschloss nach dieser historischen Rede, jeweils am 8. Mai, eine Gedenkveranstaltung in diesem Sinne in Dorsten zu organisieren.

Es war ein Sonntag, als am 8. Mai 1987 immer mehr Menschen auf den Dorstener Marktplatz strömten, um zu sehen und zu hören, warum künftig der 8. Mai nationaler Feiertag in Deutschland sein sollte. Die Lokalpresse schrieb später, dass mehrere hundert interessierte Besucher den zentralen Dorstener Platz füllten.

Ein riesiges Transparent mit dem Schwur „Nie wieder Krieg“ (Käthe Kollwitz), diente als Bühnenbild vor dem Alten Rathaus. Antonio Fillipin, Holz-Skulpturenkünster und Eisdielenbetreiber, überraschte mit einer beeindruckenden Ausstellung, die sich über den gesamten Markplatz erstreckte. Das Besondere war, dass alle Kunstwerke den Bezug zum Frieden herstellten und mit einer schweren Eisenkette untrennbar verbunden waren. Ein außergewöhnliches Friedenssymbol. Auf der Bühne wechselten sich Musikgruppen und Redner ab. Informationsstände waren dicht umlagert. Die Lokalpresse berichtete in großer Aufmachung:

  • Friedensfahnen wehen auf dem Marktplatz (WAZ Dorsten)
  • Lieder und Literatur am Marktplatz (WAZ Dorsten)
  • Premiere war erfolgreich (Stadtspiegel Dorsten)
  • Der 8. Mai - Ein Dorstener Gedenktag? (Dorstener Zeitung)
  • Kriegsverbrechen nicht vergessen - Für weltweiten Frieden arbeiten (WAZ Dorsten)
  • 8. Mai - Eine Mahnung für die Zukunft (WAZ Dorsten)
  • Der 8. Mai soll als Gedenktag Bewußtsein aller Bürger ändern (Dorstener Zeitung)
  • Gedenkfeier mit Musik und Literaturlesung (WAZ-Dorsten)
  • Friedensgruppen mahnten am 8. Mai (Dorstener Zeitung)

Dieser Aufsatz wurde im neuen Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten veröffentlicht und wird hier in mehreren Teilen vorgestellt. Autor: Dirk Hartwich  (Fortsetzung und Schluss am 2.1.2023)

Veröffentlicht am 30.12.2022

 

Gesellschaft Ohne Frieden ist alles nichts (3)

Dorstener Friedensbewegung setzte in den 80er Jahren viel beachtete Akzente - Eine Erinnerung

 

Um bewerten zu können, über was und wen in Dorsten im Jahrzehnt 1980-1990, durch die Friedensbewegung initiiert,  vehement öffentlich diskutiert wurde, soll die folgende unvollständige Aufzählung Zeugnis ablegen:

  • Gedenkveranstaltungen auf dem Marktplatz zum 8. Mai (Ende des zweiten Weltkriegs) mit mehreren hundert Teilnehmern.
  • Ausverkaufte Theateraufführungen in der St.-Ursula-Aula mit dem Ensemble Berliner Compagnie.
  • Beteiligung an der Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“, die erstmals über die NS-Verbrechen an den Dorstener jüdischen Bürgern die fassungslose Öffentlichkeit informierten. Band 1 einer Reihe von Publikationen zu diesem Thema wurde 1983 im Alten Rathaus präsentiert.
  • Mehrere Groß-Konzerte mit der lateinamerikanischen Musikformation Grupo Sal, kombiniert mit Lesungen des früheren nicaraguanischen Kulturministers und Priesters Ernesto Cardinal.
  • Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit Rupert Neudeck und Cap Anamur sowie Schwester Paula, die als prominente Unterstützerin der ehrenamtlichen Seenotretter im Impressum der Organisation genannt wurde.
  • Beteiligung an Großdemonstrationen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern in Bonn. Dazu wurden u. a. 7 Reisebusse für die Dorstener Teilnehmer gechartert.
  • Gedenkveranstaltungen zur Bombardierung Dorstens am 22. März 1945 auf dem Markplatz unter Beteiligung mehrerer Chöre und dem Posaunenchor der evangelischen Kirche.
  • Veranstaltungen zum Anti-Kriegstag jeweils am 1. September. Dazu wird u. a. der damalige Bezirkssekretär der KAB Lambert Lütkenhorst am 26.8.1989 in der WAZ-Dorsten so zitiert: „…, dass alle Glocken der katholischen Gemeinden läuten werden, zur Erinnerung daran, dass es nie wieder Krieg geben darf“.
  • Beteiligung an kommunalen Friedenswochen in der VHS, vielen Kirchengemeinden und Schulen.
  • Beteiligung an den städtischen Volkstrauertags-Gedenkveranstaltungen.
  • Beteiligung und Mitgestaltung des 9. Novembers, als NS-Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher eingegangen.
  • Beteiligung an Ostermärschen.
  • Bildung einer Menschenkette vor der Muna, um auf dort vermutete Atomsprengköpfe der US-Armee aufmerksam zu machen.
  • Erinnerungsaktionen am 6. August, dem Tag des ersten Atombombenabwurfs 1945 auf die Zivilbevölkerung in Hiroshima/Japan.
  • Ausstellungen über die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki
  • Regelmäßige Infostände in der Altstadt.
  • Aufrufe und regelmäßige Teilnahme an Aktionen „Schweigen und Beten für den Frieden“.
  • Bürgeranträge zur kommunalen Friedenspolitik.
  • 9 Ausgaben einer eigenen Zeitung mit dem Titel FRIEDEN für Dorsten.

Dieser Aufsatz wurde im neuen Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten veröffentlicht und wird hier in mehreren Teilen vorgestellt. Autor: Dirk Hartwich

Veröffentlicht am 29.12.2022

 

Gesellschaft Ohne Frieden ist alles nichts (2)

Dorstener Friedensbewegung setzte in den 80er Jahren viel beachtete Akzente - Eine Erinnerung

 

Um heute zu verstehen, warum in den achtziger Jahren so viele Menschen in Dorsten, in Deutschland und weltweit für den Frieden und die Abrüstung auf die Straße gegangen sind, kann eingangs an der gesamtpolitischen Großwetterlage nach 1945 nicht vorbeigegangen werden. Unversöhnlich standen sich die Blöcke NATO und Warschauer Pakt gegenüber. So atomar hochgerüstet, dass die Waffenarsenale ausreichten, um die gesamte Menschheit mehrfach auszulöschen. Als, hier wie da, nochmals weitere Nachrüstungen beschlossen wurden, begann eine Bewegung von unten - Friedensbewegung genannt.

Die Dorstener Gruppe entwickelte sich aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Lagern. Nicht nur waren alle Altersklassen vertreten, besonders auffällig war, dass

überwiegend Frauen an der Spitze der Dorstener Bürgerbewegung agierten.

Ein Prinzip der Gruppe war, keinen auszugrenzen, der sich für Frieden und Abrüstung sowie für den Abbau von Feindbildern jeder Art einsetzte.

Auf über 200 DIN-A4-Seiten wurde unter der Überschrift FRIEDENSJAHRE IN DORSTEN dokumentiert, was sich in der Lippestadt zwischen 1985 und 1989 tat, um dem Titel dieses Aufsatzes, OHNE FRIEDEN IST ALLES NICHTS, gerecht zu werden. Die Dokumentation wurde, neben vielen weiteren Schriften, im städtischen Archiv entdeckt. Uli Hengemühle, früher Lehrer an der Gesamtschule Wulfen, hat sie Anfang 1990 aus den vielen Dokumenten und Dorstener Zeitungsartikeln (über 200 in 5 Jahren!)  zusammengestellt.

Er selbst zeigte sich von der Vielzahl der kommunalen Aktivitäten und der gedruckten „Begleitpapiere“ völlig überrascht. In seinem Vorwort spricht er davon, 1990 „ein starkes Stück Dorsten“ zusammengestellt zu haben, das gegen das schnelle Vergessen helfen soll. Sein Fazit, und es hat sich doch was getan, kann dem heutigen Leser des Heimatkalenders Mut und Hoffnung machen, sich zu jeder Zeit für Frieden, Abrüstung und den Abbau von Feindbildern einzusetzen.

Nun soll der Blick in die Dokumentation wandern und uns an diejenigen erinnern, die sich hinter dem Begriff Dorstener Friedensbewegung verbargen.

Im Koordinierungskreis haben neben Pax Christi (Kath. Kirche), die Arbeitsgemeinschaft Frieden und Abrüstung des Paul-Gerhardt-Hauses (Ev. Kirche), die Gruppe Frauen für den Frieden, Vertreter der politischen Parteien und Gewerkschaften, der Freundeskreis Nicaragua, Amnesty International, Greenpeace, Friedenskomitee Dorsten, 3. Welt-AG Gesamtschule Wulfen, 3. Welt-AG Paul Gerhardt-Haus, Dekanatsjugend Kath. Kirche, Arbeitsloseninitiative Wulfen, sowie viele Einzelpersonen mitgewirkt.

Sie haben durch gut vorbereitete Aktionen die Dorstener Öffentlichkeit über das notwendige Engagement für Frieden und Abrüstung nicht nur informiert, sondern es auch  verstanden, viele hundert Bürgerinnen und Bürger „mitzunehmen“.

Parallel wurden Stadtrat und Verwaltung einbezogen, um sich auch zu positionieren. Eine Vielzahl von Leserbriefen zum benannten Thema, nicht selten äußerst kontrovers, füllten die Seiten der Dorstener Zeitung und der WAZ-Dorsten.

 

Dieser Aufsatz wurde im neuen Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und der Stadt Dorsten veröffentlicht und wird hier in mehreren Teilen vorgestellt. Autor: Dirk Hartwich

Veröffentlicht am 28.12.2022

 

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